Jedem sein Logo

Erkennungsfarbe Lila, Zwangsritual Sektdusche: Unsere Sportstars erwecken unser Mitleid. Warum aber verzichten Politiker und Personen des öffentlichen Lebens auf die Chancen, die in diesen Werbeflächen stecken? Hans Magnus Enzensberger plädiert für sichtbare Sponsoren.

19. Februar 2011

Nicht ohne Mitgefühl bewundern wir, kurz vor dem Wetterbericht in den Abendnachrichten, unsere Champions. Über und über mit farbigen Flicken bekleckert, strampeln sie wie Harlekine auf dem Bildschirm und preisen uns Erdgas, Schrauben und Milchschokolade an. Niemand wird ihnen ihre Einnahmen missgönnen, auch wenn das Wort Honorare dafür vielleicht allzu honorig wäre.

Nur – was haben ihre Leistungen auf der Piste oder dem grünen Rasen mit den Versicherungspolicen und den Bieren zu tun, mit denen sie sich brüsten? Das wird sich dem Publikum so leicht nicht erschließen. Dem Enthusiasmus ihrer Fans tut das trotzdem keinen Abbruch, ebenso wenig wie die rituelle Zwangstaufe mit den klebrigen Schaumweinen, die sich über ihre Trikots ergießen.

Die Frage ist nur, warum es immer nur diese Damen und Herren sind, die unter solchen Zumutungen zu leiden haben. Warum eigentlich kommen andere Spitzenkräfte ohne die aufgenähten Reklame-Insignien davon, mit denen unsere tüchtigsten Sportler übersät sind?

Bekümmerter Blick in die Kassen

Ich denke da vor allem an die erste Garnitur unserer blühenden Wirtschaft. Ihre Vertreter kommen mir vergleichsweise farblos vor. Nicht einmal das Bundesverdienstkreuz glänzt am Revers ihrer dunklen Maßanzüge. Dafür kann es nur eine Erklärung geben. Ihre Privatkonten müssen derart prall gefüllt sein, daß sie auf die Wohltaten der Werbeagenturen, die sie wie die Erdnüsse an der Bartheke betrachten, leichthin verzichten können.

Anders verhält sich das bei unserem politischen Personal, das bekanntlich weit schlechter bezahlt wird als jeder jugendliche Investmentbanker und jeder ergraute Star der sogenannten Volksmusik. Hier mangelt es an der ansonsten vielzitierten sozialen Gerechtigkeit. Es ist kein Wunder, dass die Schatzmeister der Parteien bekümmert in ihre Kassen blicken und nach Subventionen lechzen. Da wäre es doch ein ebenso naheliegender wie mutiger Schritt, das lästige Problem der Parteienfinanzierung ein für allemal zu lösen, indem man der politischen Klasse nahelegt, dem Beispiel der Skispringer und der Hammerwerferinnen zu folgen und ihre Kostümierung zu reformieren. Die Reklamebranche hätte gegen ein solches Verfahren gewiss nichts einzuwenden.

Durch Werbe-Etiketten profilieren

Über Nacht böte sich auf Pressekonferenzen, Sitzungen und Wahlkampfauftritten ein abwechslungsreiches, anheimelndes Bild. Die aus Funk, Bild und Fernsehen vertrauten Slogans, wie „Geiz ist geil“, „Nichts ist unmöglich“ und „Ich bin doch nicht blöd“ ließen an der Volksverbundenheit der Politiker keinen Zweifel aufkommen. Der Tristesse ihrer gedeckten Einheitskleidung wäre ein Ende bereitet, und jeder einzelne könnte sich durch die Wahl seiner Werbe-Etiketten beliebig profilieren. Die Einschaltquoten der täglichen Interviews würden steigen, und noch dazu würde jede offizielle Rede Germany’s führende Marken weltweit bekannt machen, was unserer Exportwirtschaft zweifellos zugutekäme.

Dem naheliegenden Einwand, ein solches Verfahren begünstige einseitig die zahlungskräftigen Konzerne, wäre leicht zu begegnen. Denn auch die Vertreter der Arbeitnehmerseite sollten die Chancen nutzen, die sich hier eröffnen. Die öden Bilder von den zäh sich hinschleppenden Tarifverhandlungen könnten eine karnevalistische Auflockerung gut vertragen. Die stattlichen Werbeeinnahmen, die den Gewerkschaftsfunktionären zuteil würden, könnten sinnvoll zur Senkung der Mitgliedsbeiträge verwendet werden und die Streikkassen füllen.

Um die Herkunft der Gelder zu klären, bedürfte es keiner internen Revision. Auch eventuelle Untersuchungsausschüsse wären überflüssig; denn jeder trüge seinen eigenen Sponsor auf der Brust. Damit wäre der Aufklärung Genüge getan. Es ist immer gut, wenn man weiß, wer zahlt. Damit läge offen zutage, was der deutsche Volksmund immer behauptet hat und was jede Sportschau lehrt: Ehrlich währt am längsten.

Text: F.A.Z.

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